Gleich viel Insulin, andere Wirkung: Hast du an deine Spritzstelle gedacht?

Warum dein Insulin nicht jeden Tag gleich wirkt – und was deine Haut, Wärme und Bewegung damit zu tun haben.
Gestern hat deine Insulinmenge zum Znacht gut gepasst. Heute isst du dasselbe, spritzt dieselbe Menge. Doch zwei Stunden später zeigt dein Messgerät einen Wert, mit dem du nicht gerechnet hast.
Vielleicht liegt es an etwas, das du bisher gar nicht auf dem Schirm hattest: deiner Spritzstelle. Denn auch wenn du jedes Mal gleich viel Insulin spritzt, kommt es nicht immer gleich schnell im Blut an.
Eine Stelle, die kaum wehtut – aber Probleme machen kann
An einer bestimmten Stelle spürst du den Einstich kaum. Also spritzt du immer wieder dort. Das ist bequem. Und solange die Glukosewerte passen, denkst du dir nichts dabei.
Doch wenn die Nadel über längere Zeit immer wieder an derselben Stelle landet, kann sich das Gewebe verändern. Es wird dicker und fühlt sich fester an als die Haut daneben. Fachleute nennen das Lipohypertrophie. Im Alltag heissen sie „Spritzpolster“ oder Verhärtungen.
Das Problem: Aus solchen Stellen wird Insulin oft langsamer und ungleichmässiger aufgenommen. Mal setzt die Wirkung später ein als erwartet. Mal kommt weniger Insulin im Blut an als gewohnt.
Und schon kann ein Glukosewert anders ausfallen, obwohl du beim Essen und Spritzen nichts bewusst verändert hast.
So kannst du Spritzpolster / Verhärtungen erkennen
Spritzpolster sind nicht immer sichtbar. Manche ertastest du leichter, als du sie mit den Augen erkennst.
Streich mit der flachen Hand langsam über die Stellen, an denen du regelmässig spritzt. Achte darauf, ob sich die Haut irgendwo anders anfühlt als daneben. Vielleicht bemerkst du eine kleine Erhebung oder eine Stelle, die sich härter und knubbelig anfühlt.
Wenn du etwas Auffälliges feststellst, zeig es deinem Diabetesteam. Auch wenn du nichts fühlst, lohnt es sich, deine Spritzstellen regelmässig untersuchen zu lassen.
Wichtig: An neuen Spritzstellen kann dasselbe Insulin stärker wirken als gewohnt.
Besprich deshalb mit deinem Diabetesteam, wie du den Wechsel sicher gestaltest und ob deine Insulinmenge angepasst werden muss. Kontrolliere deine Glukosewerte in dieser Zeit besonders aufmerksam.

Auch der Ort macht einen Unterschied
Neben dem Zustand deiner Haut zählt auch, wo am Körper du spritzt.
Am Bauch gelangt Insulin häufig schneller ins Blut als am Oberschenkel oder Gesäss.
Wie gross dieser Unterschied ausfällt, hängt auch von der Insulinart ab. Bei den neueren, sehr schnell oder lang wirkenden Insulinen ist dieser Unterschied oft nicht so ausgeprägt.
Am Oberarm kommt es besonders auf die richtige Technik und die Nadellänge an. Bei wenig Unterhautfett kann Insulin versehentlich in den Muskel gelangen. Dann wirkt es schneller, und das Risiko für Unterzuckerungen steigt.
Bilde vor dem Spritzen möglichst eine Hautfalte zwischen Daumen und Zeigefinger und halte sie, während du spritzt. So gelangt das Insulin ins Unterhautfett und nicht in den Muskel.

Besprich deshalb mit deinem Diabetesteam, welche Körperstellen für deine Insuline und deine Spritztechnik geeignet sind.
Spritzstellen wechseln – ohne jedes Mal neu zu überlegen
Du musst nicht vor jeder Injektion überlegen, welche Stelle als Nächstes dran ist.
Ein einfacher Plan hilft dir, die Haut zu schonen und wiederholte Stiche an derselben Stelle zu vermeiden.
✔ Teile deine Spritzbereiche ein. Zum Beispiel den Bauch in vier Felder, die du der Reihe nach nutzt.
✔ Wechsle innerhalb des Feldes die Einstichstelle. Halte dabei ausreichend Abstand zur vorherigen Injektion.
✔ Nimm jedes Mal eine neue Pen-Nadel. So vermeidest du unnötige Verletzungen durch mehrfach verwendete Nadeln.

✔ Lass veränderte Hautstellen aus. Dazu gehören Spritzpolster, Verhärtungen, blaue Flecken und Narben.
✔ Achte auf Abstand zum Nabel und zu deinem Sensor. Welche Bereiche geeignet sind, hängt auch von deinem Insulin und dem verwendeten System ab.

Lass dir bei deinem nächsten Termin zeigen, wie du deine Spritzstellen sinnvoll einteilen kannst.
Warum Badewanne und Velo dein Insulin schneller wirken lassen
Du spritzt zum Abendessen und setzt dich danach in die heisse Badewanne. Oder du spritzt in den Oberschenkel und fährst kurz darauf mit dem Velo los.In beiden Situationen kann das Insulin schneller aufgenommen werden.
Wärme fördert die Durchblutung der Haut. Auch Bewegung kann die Aufnahme beeinflussen, besonders wenn die Muskeln in der Nähe der Spritzstelle arbeiten. Deshalb können eine heisse Dusche, Sauna oder sportliche Aktivität dafür sorgen, dass Insulin früher wirkt als erwartet.
Das bedeutet nicht, dass du auf diese Dinge verzichten musst.
Es ist aber gut, den Zusammenhang zu kennen. Denn gerade bei körperlicher Aktivität verändern auch andere Dinge deinen Glukoseverlauf. Wenn du regelmässig nach dem Spritzen Sport machst oder in die Sauna gehst, besprich mit deinem Diabetesteam, worauf du achten solltest.
Und denk daran, auch den Pen vor Hitze und direkter Sonne zu schützen. Welche Temperaturen erlaubt sind, steht in der Packungsbeilage deines Insulins.
Was du beim nächsten unerwarteten Wert ausprobieren kannst
Wenn deine Glukosewerte wieder einmal anders ausfallen als erwartet, lohnt es sich, nicht nur auf Essen und Insulinmenge zu schauen.
Notiere ein paar Tage lang zusätzlich:
✔ Wo hast du gespritzt?
✔ Warst du danach körperlich aktiv?
✔ Hast du warm geduscht oder gebadet?
✔ Ist dir an der Spritzstelle etwas aufgefallen?
Vielleicht erkennst du ein Muster, das dir vorher entgangen ist. Nimm deine Beobachtungen zum nächsten Termin mit und lass deine Spritzstellen anschauen und abtasten.
Denn manchmal liegt ein Teil der Erklärung für schwankende Werte direkt unter der Haut.
Solche Fragen aus dem Alltag mit Insulin greife ich einmal im Monat in meinem Newsletter für Menschen mit Diabetes und ihre Angehörigen auf. Wenn du beruflich mit Menschen mit Diabetes arbeitest, gibt es dafür einen eigenen Fachnewsletter. Trag dich hier ein und kreuz an, welcher zu dir passt.
Noch ein Hinweis zur Insulinpumpe
Wenn du eine Insulinpumpe trägst, gelten für die Wahl und den Wechsel der Katheterstellen eigene Empfehlungen. Auch dort können Gewebeveränderungen die Insulinaufnahme beeinflussen. Besprich die passende Wechselroutine mit deinem Diabetesteam.
Kennst du auch eine Stelle, an der du besonders gerne spritzt, weil du den Stich dort kaum spürst?
Für Beraterinnen und Praxisteams
Eine einfache Frage kann helfen, das Thema Spritzstellen im Gespräch aufzugreifen:
„Gibt es eine Stelle, an der du besonders gerne spritzt?“
Damit lässt sich oft leichter über Gewohnheiten sprechen als mit der Frage, ob die Spritzstellen regelmässig gewechselt werden.
Zur guten Betreuung gehört auch, die Spritzstellen anzuschauen und abzutasten. Werden Lipohypertrophien entdeckt, braucht der Wechsel auf gesundes Gewebe eine sorgfältige Begleitung, da die Insulinaufnahme und damit auch der Insulinbedarf sich verändern können.
Quellen für Fachpersonen
Schmeisl GW: Schulungsbuch Diabetes. 10. Auflage, Elsevier 2023, Kap. 6.4.
Thurm U, Gehr B: CGM- und Insulinpumpenfibel. 4. Auflage, Kirchheim 2020.
Thurm U, Gehr B: Diabetes- und Sportfibel. Kirchheim.




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